Seminarzentrum für Tiergesundheit in Ostwestfalen-Lippe





Pferd und Grasland - von Dr. rer. nat. Renate Vanselow

Rezension des Buches "Pferd und Grasland" von Dr. Renate Vanselow

Autor: Kristin Trede | Datum: 11.12.2019

40 Jahre Pferdeerfahrung und geballtes Wissen auf dem Gebiet der Ökologie der Weidesysteme einer engagierten und kompetenten Autorin sind in diesem Buch vereint. Ausgehend von der Problematik, dass viele Pferde heute vorwiegend aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in artgerechter Weise ihre natürliche Nahrungsgrundlage, das Gras der Weiden, nutzen können, analysiert Dr. rer. nat. Renate Vanselow die unterschiedlichen Ursachen der Entstehung der auftretenden Probleme. Sie zeigt darüber hinaus Lösungswege auf, wie wir gesunde und artgerechte (Pferde-)weiden (wieder) erschaffen können.

Zunächst geht die Autorin auf die bedrohte Situation des Graslandes ein: auf der einen Seite gezüchtete Hochleistungsgräser für Hochleistungstiere, auf der anderen Seite zum Beispiel Stoffwechsel- und Atemwegserkrankungen sowie Allergien der Pferde, deren Ursachen häufig energiereiches oder sogar giftiges Gras und/oder Hygienemängel sowie nicht pferdegerechte Konservierungsmethoden (Silage, Heulage)  sind. Als Folge werden Pferde in befestigten Gruppenhaltungen mit kontrollierten Rauhfutterrationen gehalten, den Pferden wird ihr natürlicher weiter Lebensraum vorenthalten. Diese Tendenz gipfelt in sogenannten "Bewegungslaufställen", die als Haltungssystem aus der "tierschutzgerechten" Schweinemast auf die Pferdehaltung übertragen wurden.

Es folgt ein Blick auf die Entwicklung der Kulturlandschaft von einer Fraßsavanne mit Schirmbäumen, Wildkräutern, Gehölzen und kleinen Gewässern hin zu artenarmen Flächen mit Hochleistungsgräsern wie dem Deutschen Weidelgras (Lolium perenne). Verdeutlicht wird die verhängnisvolle Trennung von Wald und Weide, die zwar zum Schutz der Wälder vor Überweidung führte, gleichzeitig aber ein Schritt zur Intensivierung der Landwirtschaft war.

Die gleiche Tendenz zeigt die Autorin für das Saatgut auf: während Grünland früher durch  ortstypischen wilde Gräser und Kräuter besiedelt war, die sich selbst aussäen konnten, ist heute Gras-Monokultur mit vom Menschen gezüchteten Hochleistungsgräsern die Regel. Sie weist auf die mögliche Vielfalt früherer Grünland-Flächen anhand von über 80 Pflanzenarten hin. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die moderne Landwirtschaft bereits fünf Jahre alte Grasflächen als Dauergrasland bezeichnet, während dieser Begriff bei Ökologen erst ab mindestens 30 Jahre Nutzung als Grünland verwendet wird.

Ein detaillierter Einblick in die Folgen menschlicher Eingriffe in das Ökosystem Grasland, auch unter dem Einfluss von Hungersnöten und Nahrungsknappheit der beiden Weltkriege, zeigt die verhängnisvollen Auswirkungen von Mahd-Techniken, Aufdüngung und Artenverarmung der Saatgutrezepturen auf die Vielfalt der Pferdeweiden auf.

Für wünschenswert hält die Autorin zur Bewahrung  der Artenvielfalt eine Beweidung von ausreichend großen Flächen so lange wie möglich. Da dies naturgemäß nicht ganzjährig möglich ist, geht die Autorin auf die Gewinnung von pferdegerechtem Heu ein. Wünschenswert ist Heu aus dem Naturschutz, dieses hat muss jedoch im Hinblick auf Artenzusammensetzung, Schnittzeitpunkt, Lagerung und Hygiene qualitätsbewusst geerntet werden. Deutlich legt Frau Dr. Vanselow dar, wie durch Artenzusammensetzung und die Wahl der Sorten oder Wildpflanzen die Heuqualität an die unterschiedlichen Energiebedarfe der Pferde, von der Zuchtstute mit Fohlen bis hin zum Robustpony in der Winterpause ohne Arbeitsleistung angepasst werden kann. Insbesondere plädiert sie für den bewussten Verzicht auf die Grassorten Weidelgras (Lolium) und bestimmte Schwingel (Festuca) in der Pferdehaltung. Diese intensivst für die Rinder- und Schafhaltung züchterisch bearbeiteten Gräser sind für Pferde nicht geeignet.

Dass Pflanzen sich mit unangenehmen und giftigen Inhaltsstoffen gegen Fraßfeinde schützen, ist ihre physiologische Fähigkeit. Werden Gräser züchterisch auf Widerstandsfähigkeit bearbeitet, so provoziert dies ihre Fraßabwehr, z.B. bei Überweidung. So sind die giftigen Mutterkornpilze Partner von Weidelgräsern und Schwingeln und die Giftigkeit dieser Gräser steht der Giftigkeit des von Pferdehaltern gefürchteten Jakobskreuzkrautes in nichts nach. Mit übersichtlichen Tabellen verdeutlicht Dr. Renate Vanselow die Wirkungen dieser (Gräser-)gifte. Um das vielfältige Ökosystem Grasland exemplarisch zu beleuchten, schildert sie anschaulich in Bild und Text den "Tatort Pferdeweide". Da in diesem Thema viele Zusammenhänge noch ungeklärt sind, plädiert sie für neue Nachweisverfahren nach den Qualitätsanforderungen der forensischen Toxikologie.

Über die Zusammenhänge vor Ort hinaus verdeutlicht Dr. Vanselow die Globalisierung der Risiken: bekannt ist der spektakuläre Fund von giftigen Spinnen in importierten Bananenstauden - wer aber weiß, dass die Vermehrung deutschen Saatgutes in Neuseeland oder Kanada stattfindet und dann nach Deutschland zurückimportiert wird? Dies betrifft nicht nur traditionelles, sondern auch Regio-Saatgut, das, aus einer bestimmten Region stammend, lt. Bundesnaturschutzgesetz zwingend in der "freien Natur" verwendet werden muss. Wie aber kann man sicherstellen, dass sich die Pflanzen nicht mit den am Vermehrungsort Pflanzen vermischen und als invasiver Neophyt nach Deutschland zurückkommen?  Auch eine Infektion mit fremden Endophyten ist denkbar.

Auch auf die Zucht von giftresistenten Haustieren geht die Autorin ein. Neben dem Einsatz von Giftbindemitteln in der Tierfütterung ist die Zucht von Haustierlinien, die nachweislich weniger gesundheitliche Probleme mit der Verwertung giftiger Futtermittel zeigen, ein möglicher Ansatz. Angesichts dieser Entwicklung stellt Dr. Vanselow die berechtigten Fragen: was aber ist mit der Auswirkung auf den am Ende der Nahrungskette stehenden Menschen? Wer züchtet den giftresistenten Menschen?

Im Laufe des Buches werden immer wieder praktikable Lösungen zur Bewältigung der dargelegten Problematiken aufgezeigt. Weitere mögliche Wege, giftiges Grasland umzuwandeln und/oder überhand nehmende unerwünschte Kräuter mit natürlichen Methoden zu regulieren, sind Inhalt der abschließenden Kapitel. Die beschriebenen Strategien münden in einen engagierten Appell der Autorin, die Richtung der Graslandnutzung zu ändern: weg von einer Intensivierung und Verarmung - hin zu einer Vielfalt an Pflanzen und Tieren durch Schaffung von Rückzugsräumen für bedrohte Arten.

Fazit:

Auf eindrückliche Weise macht die Autorin die Zusammenhänge zwischen einer gesunden Weidehaltung, nicht nur für Pferde, und der Zukunft unserer aller Lebensgrundlagen deutlich. Ihre Ausführungen belegt sie mit ausführlichen Quellenangaben. Eine sehr persönliche Note erhält das Buch durch die ausdrucksstarken Zeichnungen der Autorin, mit denen sie ihre Ausführungen auf den Punkt bringt.

Wer seine Pferde gesund (er-)halten möchte (und „nebenbei“ sehr viel für den Natur- und Artenschutz tut), kommt an diesem Buch nicht vorbei. Insbesondere für Tierärzte, Tierheilpraktiker und ander Tier-Therapeuten, die nicht nur Symptome bekämpfen, sondern nachhaltig heilen wollen, bietet das Werk ein Fülle von Ansatzpunkten. Schreibt doch schon Samuel Hahnemann im Organon der Heilkunst, 6. Auflage in § 3 " ...... kennt er (der Arzt, Anmerkung der Verfasserin) endlich die Hindernisse der Genesung in jedem Falle und weiß, sie hinwegzuräumen, damit die Herstellung von Dauer sei: so versteht er zweckmäßig und gründlich zu handeln und ist ein ächter Heilkünstler."

Erschienen im STARKE PFERDE-Verlag, Erhard Schroll, Weißer Weg 109, 32657 Lemgo, 1. Auflage August 2019 (Titelfoto: Nikola Fersing)


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